„Allah hat keine Krankheit herabgesandt, ohne auch ihre Heilung herabzusenden.“

Überliefert von Al-Bukhari im Sahih al-Bukhari.

Ist Selbsttranszendenz wirklich nur die höchste Stufe?

Selbsttranszendenz: Sinn als psychologische Ressource?

Eine psychologische Reflexion über Sinn, Leid, Spiritualität und menschliche Entwicklung

In Anlehnung an die Begriffserläuterung im Wörterbuch der Psychotherapie von Gerhard Stumm und Alfred Pritz beschreibt Selbsttranszendenz die Ausrichtung des Menschen auf etwas, das über das eigene Selbst hinausgeht. Der Mensch richtet sich dabei nicht ausschließlich auf sich selbst, sondern auf einen höheren Wert, eine ethische Aufgabe, eine Idee, eine spirituelle Wirklichkeit oder auf die Liebe. Durch diese Hinwendung zu einem größeren Ganzen kann sich der Mensch im Sinne eines umfassenden Menschseins entfalten und tiefere Erfüllung erfahren. Selbsttranszendenz bedeutet somit, aus einer ausschließlichen Selbstbezogenheit herauszutreten und das eigene Leben in einen sinnstiftenden Zusammenhang einzuordnen (Stumm & Pritz, 2009).

Damit stellt sich die Frage, was unter einem „sinnstiftenden Zusammenhang“ überhaupt verstanden werden kann und wie der Begriff Sinn in der Psychologie bestimmt wird.

Psychologische Perspektive: Was bedeutet Sinn?

In der modernen Psychologie beschreibt Sinn (Meaning in Life) das subjektive Erleben, dass das eigene Leben verständlich, bedeutsam und zielgerichtet ist.

Der Professor der Psychologie Michael F. Steger definiert Sinn als:

Meaning in life refers to "the extent to which people comprehend, make sense of, or see significance in their lives, accompanied by the degree to which they perceive themselves to have a purpose, mission, or overarching aim in life." (Steger, 2009, S. 682)

Sinn im Leben beschreibt demnach das Ausmaß, in dem Menschen ihr Leben verstehen, ihm Bedeutung zuschreiben und sich auf ein übergeordnetes Ziel oder einen Lebensauftrag ausgerichtet erleben (eigene Übersetzung nach Steger, 2009).

Martela und Steger (2016) beschreiben Sinn anhand einer Trichotomie aus drei sich ergänzenden Facetten des Lebenssinns (the tripartite model of meaning in life):

  • Kohärenz (Coherence): Das Leben erscheint verständlich und als zusammenhängendes Ganzes.
  • Bedeutsamkeit (Significance): Das eigene Leben wird als wertvoll und lebenswert erlebt.
  • Zielgerichtetheit (Purpose): Werte und Ziele geben Orientierung und beantworten die Frage nach dem „Wozu?“.

Eine weitere Ergänzung liefert Paul T. P. Wong mit seinem PURE-Modell (2010). Er beschreibt vier Dimensionen eines sinnerfüllten Lebens:

  • Purpose: Bestimmung, Ziele und Orientierung – verbunden mit der Frage: Wofür lebe und handle ich?
  • Understanding: Verstehen und Einordnung der eigenen Lebensgeschichte sowie der eigenen Rolle in einem größeren Zusammenhang.
  • Responsibility: Verantwortung für das eigene Handeln und für andere auf der Grundlage von Werten, Ethik und Moral.
  • Enjoyment & Evaluation: Freude, Bewertung und Reflexion darüber, was persönliches Glück, Erfüllung und ein stimmiges Leben bedeuten.

Auffällig ist, dass sich zentrale Elemente wie Zielgerichtetheit (Sinnorientierung), die Einordnung des eigenen Lebens in einen bedeutsamen größeren Zusammenhang (Sinnfindung) sowie die aktive Auseinandersetzung mit der Frage nach Bedeutung (Sinnsuche) in mehreren der genannten Ansätze wiederfinden. Sinn erscheint damit als multidimensional, individuell und veränderlich.

Systemische Perspektive: Sinn kann sich verändern

Auch die systemische Beratung versteht Sinn nicht als etwas Feststehendes, sondern als etwas, das im Dialog entsteht und sich verändern kann.

„Psychotherapie ist Sinnveränderungsmanagement. Sie ist ein Verfahren der Formverschiebung und Formabwandlung.“ (Simon, zit. nach Wirth & Kleve, 2012, Eintrag „Sinn“)

Ein zentrales Ziel systemischer Beratung besteht darin, erstarrte subjektive Sinnkonstruktionen zu verflüssigen. Erfahrungen können dadurch rückblickend neu eingeordnet und mit neuer Bedeutung versehen werden. Ziel ist dementsprechend nicht in erster Linie, die Vergangenheit zu verändern, sondern festgefahrene Bedeutungszuschreibungen zu lösen und neue Perspektiven zu ermöglichen. Daraus können neue Handlungsmöglichkeiten und langfristig Veränderungen im persönlichen und sozialen Leben entstehen.

Vielleicht liegt genau hierin der Schlüssel: Nicht das Leid selbst verändert den Menschen, sondern die Art und Weise, wie Menschen ihr Leid deuten und welchen Wert oder welche Bedeutung sie ihm beimessen.

So stellt sich weniger die Frage:

„Wie kann Leid vermieden werden?“

Sondern vielmehr:

„Welche Ressourcen helfen Menschen, ihrem Leid einen neuen Sinn zu geben?“

Genau hier könnte Selbsttranszendenz eine besondere Rolle spielen. Sie richtet den Blick weg vom eigenen Schmerz hin zu anderen Menschen, zu Werten, Verantwortung oder einer transzendenten Wirklichkeit. Dadurch verändert sich nicht zwangsläufig das Ereignis selbst, wohl aber die Bedeutung, die ihm zugeschrieben wird.

Selbsttranszendenz und Maslows Bedürfnismodell

Die Bedürfnistheorie beziehungsweise Bedürfnispyramide Abraham Maslows gehört zu den bekanntesten Modellen der Psychologie. In seinen späteren Arbeiten beschreibt Maslow Selbsttranszendenz als eine Entwicklungsdimension, die über Selbstverwirklichung hinausweist (Maslow, 1970, 1971). Seine Theorie wird häufig als starre Hierarchie dargestellt. Maslow selbst betonte jedoch bereits 1943, dass die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse kein Alles-oder-Nichts-Prinzip darstellt und höhere Bedürfnisse bereits wirksam werden können, bevor niedrigere vollständig erfüllt sind.

Maslow veranschaulicht, dass Bedürfnisse gleichzeitig vorhanden sein können; allerdings in unterschiedlicher Ausprägung. Beispielhaft beschreibt er einen Menschen, dessen physiologische Bedürfnisse zu etwa 85 %, Sicherheitsbedürfnisse zu 70 %, Zugehörigkeitsbedürfnisse zu 50 %, Wertschätzungsbedürfnisse zu 40 % und das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung bereits zu 10 % erfüllt sind (Maslow, 1943, S. 388–389).

Artikelinhalte

Vor diesem Hintergrund stellt sich eine weiterführende Frage:

Wenn bereits Selbstverwirklichung entstehen kann, obwohl grundlegende Bedürfnisse noch nicht vollständig erfüllt sind – könnte dies möglicherweise auch für Selbsttranszendenz gelten?

Fünf ergänzende Perspektiven

Die folgende Reflexion verbindet Maslows spätere Arbeiten zur Selbsttranszendenz mit fünf ergänzenden psychologischen Perspektiven:

1) Viktor E. Frankls Logotherapie: Sinn als existenzielle Ressource – auch unter extremem Leid.

2) Mutuyimana und Maercker (2024): Lebenssinn und Vitalität als potenziell schützende Faktoren nach traumatischen Erfahrungen.

3) Aaron Antonovskys Salutogenese: Sinnhaftigkeit als Bestandteil des Kohärenzgefühls und als Ressource im Umgang mit Belastungen.

4) Kenneth I. Pargaments Theorie des religiösen Copings: Spiritualität und religiöse Sinnzuschreibung als mögliche Ressourcen der Krisenbewältigung.

5) Staub und Vollhardts Konzept des Altruism Born of Suffering: die Möglichkeit, dass eigenes Leid unter bestimmten Bedingungen Mitgefühl, Hilfeverhalten und persönliches Wachstum fördert.

Dabei soll Maslows Theorie nicht widerlegt werden. Vielmehr wird die Frage gestellt, ob Selbsttranszendenz nicht nur als höchste beziehungsweise über Selbstverwirklichung hinausweisende Entwicklungsdimension verstanden werden kann, sondern zugleich als psychologische Ressource, die, in unterschiedlicher Ausprägung, bereits auf verschiedenen Ebenen menschlicher Bedürfnisse wirksam sein könnte.

Zu 1) Viktor E. Frankl: Sinn trotz unveränderbarer Bedingungen

Der österreichische Neurologe und Psychiater Viktor E. Frankl (1905–1997), Begründer der Logotherapie, war selbst Überlebender des Holocaust und in mehreren nationalsozialistischen Konzentrationslagern inhaftiert. In seinem Werk vertrat er die Auffassung, dass Menschen selbst unter extremen Bedingungen Sinn entdecken und eine innere Haltung zu unveränderbaren Umständen einnehmen können.

Drei Aussagen Frankls verdeutlichen diesen Gedanken:

„Sehen Sie gerade dort, wo wir eine Situation nicht ändern können, gerade dort ist uns abverlangt, uns selbst zu ändern, nämlich zu reifen und zu wachsen, über uns selbst hinauszuwachsen! Und das ist bis in den Tod möglich.“

(Frankl, 1985, S. 48)

„Das Wissen um eine Lebensaufgabe hat einen eminent psychotherapeutischen und psychohygienischen Wert. Wer um einen Sinn seines Lebens weiß, dem verhilft dieses Bewusstsein mehr als alles andere dazu, äußere Schwierigkeiten und innere Beschwerden zu überwinden.“

(Frankl, „Über das Leben“, o. S.; zit. nach Aphorismen.de, 2012)

„Im Erfüllen von Sinn verwirklicht der Mensch sich selbst. Erfüllen wir nun den Sinn von Leiden, so verwirklichen wir das Menschlichste im Menschen, wir reifen, wir wachsen, wir wachsen über uns selbst hinaus. Gerade dort, wo wir insofern hilflos und hoffnungslos sind, als wir eine Situation nicht ändern können – gerade dort sind wir aufgerufen und ist uns abverlangt, uns selbst zu ändern.“

(Frankl, 1984, S. 160)

Zu 2) Sinn und Trauma: empirische Befunde

Die Annahme, dass Sinnfindung den Umgang mit leidvollen Erfahrungen unterstützen kann, wird auch in der modernen Traumaforschung aufgegriffen. Celestin Mutuyimana und Andreas Maercker werteten in einer systematischen Übersichtsarbeit insgesamt 29 Studien aus. Davon untersuchten 22 Studien spezifisch Lebenssinn (Meaning in Life, MIL), fünf Studien befassten sich mit Vitalität, einem positiven Erleben von Lebendigkeit und Energie, das als potenziell schützende Ressource nach traumatischen Erfahrungen diskutiert wird (Mutuyimana & Maercker, 2024).

Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass Lebenssinn und Vitalität mit günstigeren posttraumatischen Ergebnissen verbunden sein können. Ein stärker ausgeprägtes Sinnerleben kann mit mehr Lebendigkeit und innerer Energie einhergehen und steht in mehreren Studien mit einer geringeren Ausprägung posttraumatischer Belastungssymptome in Zusammenhang.

In 16 korrelativen Studien zeigte sich, dass Personen mit stärker ausgeprägtem Sinnerleben (Meaning in Life) signifikant geringere Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung aufwiesen. Sechs Studien aus unterschiedlichen kulturellen und geografischen Kontexten, darunter Nigeria, Spanien, Iran, Japan, Pakistan und die Vereinigten Staaten, deuten zudem darauf hin, dass Lebenssinn eine vermittelnde Funktion zwischen persönlichen Schutzfaktoren beziehungsweise traumatischen Erfahrungen und posttraumatischen Belastungsfolgen einnehmen kann (vgl. Mutuyimana & Maercker, 2024).

Zu 3) Aaron Antonovsky: Salutogenese und Kohärenzgefühl

Aaron Antonovsky (1923–1994) war ein amerikanisch-israelischer Medizinsoziologe und Begründer der Salutogenese, die sich mit der Entstehung und Erhaltung von Gesundheit beschäftigt. Mit seinem salutogenetischen Modell ergänzte er die pathogenetische Sichtweise, die primär nach den Ursachen von Krankheit fragt, um die Frage, welche Faktoren Menschen trotz bestehender Belastungen dabei unterstützen, gesund zu bleiben beziehungsweise sich in Richtung Gesundheit zu bewegen.

Gesundheit und Krankheit verstand Antonovsky nicht als zwei voneinander getrennte, dichotome Zustände, sondern als Pole eines dynamischen Gesundheits-Krankheits-Kontinuums (health ease/dis-ease continuum). Menschen sind demnach nicht ausschließlich gesund oder krank, sondern befinden sich fortlaufend auf diesem Kontinuum und können sich – abhängig von Belastungen und verfügbaren Bewältigungsressourcen – in die eine oder andere Richtung bewegen.

Eine zentrale Rolle innerhalb dieses Modells spielt das Kohärenzgefühl (Sense of Coherence, SOC), das sich aus den drei Komponenten Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit zusammensetzt. Es steht in enger Verbindung zu den Generalisierten Widerstandsressourcen (Generalized Resistance Resources, GRRs). Hierzu können unter anderem materielle Ressourcen, Wissen, soziale Unterstützung, kulturelle Stabilität, Bewältigungsstrategien sowie religiöse und weltanschauliche Orientierung gehören.

Zwischen Widerstandsressourcen und Kohärenzgefühl besteht ein dynamisches und reziprokes Verhältnis. Generalisierte Widerstandsressourcen begünstigen Lebenserfahrungen, die durch Konsistenz, eine ausgewogene Balance zwischen Über- und Unterforderung sowie die Möglichkeit zur Mitgestaltung und Einflussnahme geprägt sind. Solche Erfahrungen fördern die Entwicklung eines starken Kohärenzgefühls. Ein dauerhaftes Fehlen entsprechender Ressourcen beziehungsweise ausgeprägte Widerstandsdefizite können demgegenüber Erfahrungen begünstigen, die mit der Entwicklung eines schwächeren Kohärenzgefühls verbunden sind.

Umgekehrt beeinflusst das Kohärenzgefühl, wie auftretende Belastungen wahrgenommen, eingeordnet und bewältigt werden. Ein stark ausgeprägtes SOC unterstützt Menschen dabei, verfügbare Widerstandsressourcen zu erkennen, gezielt zu mobilisieren und zur Bewältigung von Spannungen einzusetzen. Auf diese Weise tragen Kohärenzgefühl und Widerstandsressourcen gemeinsam dazu bei, die Bewegung auf dem Gesundheits-Krankheits-Kontinuum in Richtung Gesundheit zu begünstigen (vgl. Antonovsky, 1979, 1987).

Die Frage dreht sich somit weniger darum,

„Ob ein Mensch krank oder gesund ist?“

sondern eher darum:

„Warum bleiben manche Menschen trotz schwerster Belastungen gesund?“

Antonovskys Konzept verdeutlicht, dass Sinnhaftigkeit eine zentrale motivationale Komponente des Kohärenzgefühls darstellt. Entscheidend ist jedoch das Zusammenspiel verschiedener Widerstandsressourcen, seien sie soziokultureller, ökonomischer, psychologischer oder genetischer Natur, und der Art, wie Menschen Belastungen verstehen, handhaben und als bedeutsam erleben (Antonovsky, 1979, 1987).

Gerade hier eröffnet sich eine weiterführende Frage: Was geschieht, wenn in existenziellen Krisen viele äußere Ressourcen wegbrechen? Die moderne Sinn-, Resilienz- und Traumaforschung legt die Überlegung nahe, dass Sinn, Selbsttranszendenz und Spiritualität unter solchen Bedingungen nicht nur Ergebnis vorhandener Ressourcen sein können, sondern selbst zu bedeutsamen Bewältigungsressourcen werden können.

Zu 4) Kenneth I. Pargament: religiöses und spirituelles Coping

Kenneth I. Pargament beschreibt religiöses und spirituelles Coping als einen vielschichtigen Bewältigungsprozess. Dabei werden religiöse Überzeugungen, spirituelle Werte und der Glaube genutzt, um belastende Lebensereignisse zu verstehen, ihnen Bedeutung zu verleihen und sie besser bewältigen zu können. Ein zentrales Element ist hierbei die religiöse Neubewertung belastender Lebensereignisse (Reframing) (Pargament, 1997, zitiert nach Xu, 2016).

Insbesondere in Krisenzeiten kann die Suche nach Sinn dazu beitragen, den Blick über die unmittelbaren belastenden Lebensumstände hinaus auf eine übergeordnete Wirklichkeit, transzendente Werte oder eine spirituelle Hoffnung zu richten. Dadurch können leidvolle Erfahrungen in einen größeren existenziellen Zusammenhang eingebettet werden (meaning-making), was Orientierung, Zuversicht und psychische Stabilisierung fördern kann (Pargament, 1997, zitiert nach Xu, 2016).

Religiöses Coping stellt dabei ein multidimensionales Konstrukt dar, das emotionale, kognitive, soziale und verhaltensbezogene Bewältigungsstrategien umfasst. Es ist in seiner kontextuellen, zeitbezogenen und situationsabhängigen Ausprägung variabel (Pargament, 1997, 2011, zitiert nach Xu, 2016). Dabei wird grundlegend zwischen positivem und negativem religiösem Coping unterschieden (Pargament et al., 2000, zitiert nach Xu, 2016).

Im religiösen Kontext können Krisen beispielsweise als Prüfung, Lektion oder Gelegenheit zum persönlichen und spirituellen Wachstum verstanden werden. Die Überzeugung, dass auch leidvolle Erfahrungen Teil einer höheren Weisheit oder eines göttlichen Wirkens sein können, kann dem sogenannten positiven religiösen Coping zugeordnet werden (Xu, 2016). Dazu gehören beispielsweise eine wohlwollende religiöse Neubewertung belastender Ereignisse, die Suche nach religiöser Unterstützung sowie religiöse Vergebung. Demgegenüber stehen spirituelle Konflikte, die Deutung eines Ereignisses als göttliche Strafe oder das Gefühl des Verlassenseins von Gott, die als Formen des negativen religiösen Copings verstanden werden (Xu, 2016).

Besonders bedeutsam kann diese Form der Bewältigung in stark belastenden Situationen werden, in denen Menschen mit den Grenzen ihrer eigenen Handlungsmöglichkeiten konfrontiert sind und vorhandene persönliche sowie soziale Ressourcen erschöpft sind (Pargament, 1997, zitiert nach Xu, 2016). Religiöse Praktiken und Überzeugungen können in solchen Situationen eine wichtige Quelle von Stärkung, Ermutigung und Orientierung darstellen (Xu, 2016).

Empirische Befunde stützen diese Annahmen. Eine Meta-Analyse von Ano und Vasconcelles (2005), die 49 Studien zusammenfasste, zeigte, dass positives religiöses Coping mit einer günstigeren Adaption an Stressoren, einem höheren psychischen Wohlbefinden, größerer Resilienz sowie einer besseren Bewältigung von Krisen und belastenden Lebensereignissen assoziiert ist. Die Möglichkeit, Leid als potenziellen Ausgangspunkt für persönliches Wachstum, Reifung und eine vertiefte Gottesbeziehung zu verstehen, unterstützt viele Menschen dabei, schwierige Erfahrungen in ihre Lebensgeschichte zu integrieren und ihnen einen neuen Sinn zu verleihen (vgl. Ano, G. G., & Vasconcelles, E. B., 2005).

Zu 5) Altruism Born of Suffering

Die Sozialpsychologen Ervin Staub und Johanna R. Vollhardt beschreiben mit dem Konzept Altruism Born of Suffering, dass Menschen nach selbst erfahrenem Leid unter bestimmten Voraussetzungen ein ausgeprägtes Mitgefühl sowie eine erhöhte Bereitschaft entwickeln können, anderen zu helfen. Persönliche Krisen können den Wunsch fördern, Verantwortung zu übernehmen, sich für das Wohl anderer einzusetzen oder eigene leidvolle Erfahrungen in prosoziales Handeln zu transformieren.

Das Helfen kann dabei selbst zu einer Quelle von Sinn, persönlichem Wachstum und Bewältigung werden. Zugleich kann altruistisches Handeln einen Perspektivwechsel ermöglichen: Betroffene erleben sich nicht ausschließlich als Opfer ihres Schicksals, sondern als aktiv handelnde Personen, die ihre Erfahrungen nutzen, um andere zu unterstützen und ihnen Orientierung oder Hoffnung zu vermitteln. Dadurch kann aus einer leidvollen Erfahrung eine neue Identität entstehen, die von Selbstwirksamkeit, Verantwortung und Vorbildfunktion geprägt ist (vgl. Staub & Vollhardt, 2008).

Zusammenschau

Aus der Zusammenschau dieser Ansätze ergibt sich folgende theoretische Überlegung:

Selbsttranszendenz könnte nicht ausschließlich als höchste beziehungsweise über Selbstverwirklichung hinausweisende Entwicklungsdimension verstanden werden, sondern zugleich als psychologische Ressource, die Menschen auf unterschiedlichen Ebenen ihrer Bedürfnisse begleiten kann.

  • Dankbarkeit kann auch in Krankheit entstehen.
  • Vertrauen kann trotz Unsicherheit wachsen.
  • Mitgefühl kann aus eigenem Leid hervorgehen.
  • Altruismus kann aus persönlicher Not erwachsen.
  • Die Verbundenheit mit höheren Werten, Spiritualität oder Gott kann selbst dann Hoffnung vermitteln, wenn äußere Sicherheiten verloren gegangen sind.

Damit verschiebt sich die eigentliche Fragestellung von:

„Auf welcher Stufe der Bedürfnispyramide befindet sich ein Mensch?“

hin zu:

„Welche Ressource trägt ihn unabhängig davon, auf welcher Stufe seines Lebens er sich gerade befindet?“

Vielleicht beginnt Erfüllung dort, wo der Mensch trotz Unsicherheit Sinn entdeckt, Verantwortung übernimmt, anderen dient und sich mit etwas Größerem verbindet als nur mit sich selbst.

Ich bin gespannt auf eure Gedanken:

Kann Selbsttranszendenz tatsächlich erst am Ende der Bedürfnispyramide entstehen oder könnte sie eine Ressource sein, die uns bereits auf jedem Abschnitt unseres Lebens trägt?

Was sagen Sie zu der Aussage:

„Transzendenz holt uns schon aus dem Keller der Pyramide ab; sie wartet nicht auf dem Dach.“

Wissenschaftliche Grundlagen

In Reihenfolge der ersten Erwähnung im Text

  • Stumm, G., & Pritz, A. (Hrsg.). (2009). Wörterbuch der Psychotherapie (2., ergänzte Aufl.). Springer Wien. https://doi.org/10.1007/978-3-211-99131-2
  • Steger, M. F. (2009). Meaning in life. In S. J. Lopez & C. R. Snyder (Hrsg.), Oxford handbook of positive psychology (2. Aufl., S. 679–688). Oxford University Press. https://doi.org/10.1093/oxfordhb/9780195187243.013.0064
  • Martela, F., & Steger, M. F. (2016). The three meanings of meaning in life: Distinguishing coherence, purpose, and significance. The Journal of Positive Psychology, 11(5), 531–545. https://doi.org/10.1080/17439760.2015.1137623
  • Wong, P. T. P. (2010). Meaning therapy: An integrative and positive existential psychotherapy. Journal of Contemporary Psychotherapy, 40(2), 85–93. https://doi.org/10.1007/s10879-009-9132-6
  • Wirth, J. V., & Kleve, H. (Hrsg.). (2012). Lexikon des systemischen Arbeitens: Grundbegriffe der systemischen Praxis, Methodik und Theorie. Carl-Auer.
  • Maslow, A. H. (1970). Motivation and personality (2nd ed.). Harper & Row.
  • Maslow, A. H. (1971). The farther reaches of human nature. Viking Press.
  • Maslow, A. H. (1943). A theory of human motivation. Psychological Review, 50(4), 370–396. https://doi.org/10.1037/h0054346
  • Frankl, V. E. (1985). Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn: Eine Auswahl aus dem Gesamtwerk. Piper.
  • Aphorismen.de. (2012). Das Wissen um eine Lebensaufgabe hat einen eminent psychotherapeutischen und psychohygienischen Wert [Zitat von Viktor E. Frankl; dortige Quellenangabe: „Frankl, Über das Leben“]. https://www.aphorismen.de/zitat/64352
  • Frankl, V. E. (1984). Der leidende Mensch: Anthropologische Grundlagen der Psychotherapie (2., erw. Aufl.). H. Huber.
  • Mutuyimana, C., & Maercker, A. (2024). How meaning in life and vitality are associated with posttrauma outcomes: A systematic review. Journal of Traumatic Stress, 37(4), 551–562. https://doi.org/10.1002/jts.23040
  • Antonovsky, A. (1979). Health, stress, and coping: New perspectives on mental and physical well-being. Jossey-Bass.
  • Antonovsky, A. (1987). Unraveling the mystery of health: How people manage stress and stay well. Jossey-Bass.
  • Xu, J. (2016). Pargament’s theory of religious coping: Implications for spiritually sensitive social work practice. The British Journal of Social Work, 46(5), 1394–1410. https://doi.org/10.1093/bjsw/bcv080
  • Ano, G. G., & Vasconcelles, E. B. (2005). Religious coping and psychological adjustment to stress: A meta-analysis. Journal of Clinical Psychology, 61(4), 461–480. https://doi.org/10.1002/jclp.20049
  • Staub, E., & Vollhardt, J. R. (2008). Altruism born of suffering: The roots of caring and helping after victimization and other trauma. American Journal of Orthopsychiatry, 78(3), 267–280. https://doi.org/10.1037/a0014223

Hinweis zur Quellenlage und zur Nutzung KI-gestützter Werkzeuge: Die Arbeiten von Pargament (1997, 2000, 2011) werden im Text als Sekundärzitate über Xu (2016) verwendet und daher nicht als selbst konsultierte Primärquellen im Literaturverzeichnis aufgeführt. Beim zweiten Frankl-Zitat handelt es sich ebenfalls um eine sekundäre Fundstelle. Aphorismen.de nennt als ursprüngliche Quelle lediglich „Frankl, Über das Leben“, ohne weiterführende bibliografische Angaben.

Bei der Erstellung des Beitrags wurden zudem KI-gestützte Werkzeuge, insbesondere ChatGPT und Google Gemini, unterstützend eingesetzt. Die Nutzung bezog sich vor allem auf die Erstellung beziehungsweise gestalterische Aufbereitung von Abbildungen, das Korrekturlesen sowie auf sprachliche und strukturelle Verbesserungsvorschläge zu meinen eigenen inhaltlichen Vorlagen. Die inhaltliche Konzeption, Auswahl der Themen, Argumentation und abschließende Bewertung erfolgten eigenständig.

Sollten trotz sorgfältiger Prüfung fachliche Unstimmigkeiten oder Fehler enthalten sein, freue ich mich über entsprechende Hinweise, Rückfragen und Verbesserungsvorschläge.

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