Was bleibt, wenn dem Menschen alles genommen wird? Selbsttranszendenz als letzter innerer Halt

In diesem Beitrag befasse ich mich mit Viktor E. Frankl, einem Neurologen und Psychiater, Professor für Neurologie und Psychiatrie, Begründer der Logotherapie und Überlebenden des Holocaust. In seinem erstmals 1946 erschienenen Buch … trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager schildert er seine Erfahrungen. Grundlage dieses Beitrags ist die 18. Auflage aus dem Jahr 2018. Frankls Zeitzeugnis über die Gräuel der Konzentrationslager hat mich zugleich tief berührt und zum Nachdenken angeregt. Im Mittelpunkt meiner Auseinandersetzung steht dabei die Frage, wie sich unter den Bedingungen äußerster Entmenschlichung Formen innerer Freiheit und Selbsttranszendenz zeigen konnten.
Frankl beschreibt mehrere Phasen psychischer Reaktionen, die sich bei neu im Lager angekommenen Gefangenen unter den extremen Bedingungen des Konzentrationslagers zeigten. Auf die anfängliche Phase des Schocks folgte häufig eine zweite Phase, deren Hauptsymptom eine relative Apathie war, die sich in einem „inneren Absterben“ äußerte (Frankl, 2018, S. 41). Diese Reaktionen, die sich nach und nach entwickelten, stellten „ein[en] notwendige[n] Selbstschutzmechanismus der Psyche“ dar (Frankl, 2018, S. 51) und ermöglichten es, die fortwährende Konfrontation mit Gewalt, Erniedrigung, Leid und Tod überhaupt zu ertragen (vgl. Frankl, 2018, S. 42–43).
Das Aufgehen und Untertauchen in der Masse wurde zu einem „Selbstrettungsversuch“, um möglichst unsichtbar zu bleiben und von der „brüllenden sadistischen Meute“ sowie von „Tritten mit dem Stiefelabsatz oder Hieben mit dem Gewehrkolben“ möglichst verschont zu werden (Frankl, 2018, S. 80–81). Darin zeigt sich die von Frankl beschriebene Entwertung des Menschen, die auch vor seiner Individualität nicht haltmachte.
Zugleich wurde das seelische Leben auf eine primitive beziehungsweise elementare Stufe zurückgeschraubt, die Frankl als „pure Lebenserhaltung – die eigene und die gegenseitige –“ beschreibt (Frankl, 2018, S. 51). Gedanken, Wünsche und Bestrebungen waren zunehmend auf die Befriedigung der unmittelbarsten Bedürfnisse ausgerichtet. Sie kreisten etwa um Brot, Torten, Zigaretten oder die Vorstellung eines warmen Wannenbades (vgl. Frankl, 2018, S. 51).
Mit dieser Eingeengtheit des Denkens und der Verengung des Erlebens ging ein weitgehender Rückzug von geistigen und kulturellen Fragen einher. Frankl beschreibt diesen Zustand als „kulturellen Winterschlaf“ (Frankl, 2018, S. 58).
Dennoch verschwanden nicht alle Interessen, die über die bloße Selbsterhaltung hinauswiesen. Insbesondere zwei Bereiche blieben nach Frankls Beobachtungen erhalten: das politische Interesse, das sich vor allem in der Hoffnung auf ein baldiges Kriegsende ausdrückte, sowie das religiöse Erleben, das er als überraschend innig und tiefgehend schildert. Dieses äußerte sich unter anderem in improvisierten Gebeten und Gottesdiensten, die etwa „in einer Lagerbaracke“ oder in einem „finsteren, versperrten Viehwaggon“ abgehalten wurden (Frankl, 2018, S. 59).
Frankl beschreibt das Lagerleben als einen „harten gegenseitigen Kampf ums Dasein“ (Frankl, 2018, S. 18). Zugleich schildert er, wie es Menschen in einer solchen extremen Notsituation mithilfe verschiedener Bewältigungsformen gelingen konnte, ein gewisses Maß an Menschlichkeit und Normalität zu bewahren und das eigene Überleben zu sichern.
In diesem Zusammenhang berichtet Frankl von der Liebe. Diese konnte unter den entmenschlichenden Lagerbedingungen zu einer geistigen Zufluchtsstätte werden. Ihre erhebende Kraft beschreibt er wie folgt:
„Das erstemal in meinem Leben erfahre ich die Wahrheit dessen, was so viele Denker als der Weisheit letzten Schluß aus ihrem Leben herausgestellt und was so viele Dichter besungen haben; die Wahrheit, daß Liebe das Letzte und das Höchste ist, zu dem menschliches Dasein sich aufzuschwingen vermag“ (Frankl, 2018, S. 63).
Die Liebe setzte dabei nicht zwingend die körperliche Anwesenheit oder sogar die körperliche Existenz des geliebten Menschen voraus, sondern richtete sich auf dessen geistiges Wesen. In der inneren Hinwendung zu einem geliebten Menschen konnte sich der Gefangene für kurze Zeit über den tristen Leidensalltag erheben. Diese innere Beziehung wurde zu einem geistigen Rückzugsraum, der ihn unabhängig von den äußeren Umständen überallhin begleiten konnte (vgl. Frankl, 2018, S. 64–65).
Eine ähnliche Funktion erfüllten vergangene alltägliche Erlebnisse, die ins Gedächtnis zurückgerufen wurden. Angesichts der Leere und der „geistigen Inhaltarmut des gegenwärtigen Daseins“ konnten sich die Gefangenen innerlich in die Vergangenheit zurückziehen (Frankl, 2018, S. 65). Erinnerungen an vertraute Menschen, frühere Gespräche oder einfache Alltagssituationen vermittelten dem gegenwärtigen Erleben zumindest vorübergehend einen anderen geistigen Inhalt (vgl. Frankl, 2018, S. 65).
Sofern sich eine Gelegenheit zur Verinnerlichung schöner Erlebnisse oder zur Betrachtung der Natur bot, konnte auch diese die Gefangenen für wenige Augenblicke aus ihrer gegenwärtigen Situation herausheben. Frankl berichtet von einem intensiven Erleben von Kunst und Natur, durch das die „ganze furchtbare Situation“ zeitweise vergessen werden konnte (Frankl, 2018, S. 66). Zu den künstlerischen Ausdrucksformen gehörten improvisierte Lagerkabarettaufführungen, Gesänge, Gedichtrezitationen, humoristische Darbietungen und satirisch anmutende Späße (vgl. Frankl, 2018, S. 68–69).
Eine besondere Bedeutung kam dem Humor zu. Frankl bezeichnet ihn als eine „Waffe der Seele im Kampf um ihre Selbsterhaltung“, da er „wie kaum sonst etwas im menschlichen Dasein geeignet ist, Distanz zu schaffen und sich über die Situation zu stellen, wenn auch nur […] für Sekunden“ (Frankl, 2018, S. 71). Der Humor beseitigte das Leid nicht. Er eröffnete jedoch für einen kurzen Moment einen inneren Freiraum, in dem sich der Mensch etwa durch lustige Zukunftsgeschichten von seiner prekären Situation distanzieren konnte (vgl. Frankl, 2018, S. 71).
Als Muslima ließ mich die im Lagerjargon unter den Gefangenen verwendete Bezeichnung „Muselmann“ aufgrund ihrer sprachlichen Nähe zu der früheren deutschen Bezeichnung für einen Muslim zunächst stutzen (Frankl, 2018, S. 39). Dieses anfängliche Empfinden wich jedoch unmittelbar einer tiefen Betroffenheit, als sich die tatsächliche Bedeutung des Begriffs im Konzentrationslager erschloss. Frankl beschreibt den sogenannten „Muselmann“ als eine „Jammergestalt“, als einen körperlich herabgekommenen, kränklich wirkenden und stark abgemagerten Gefangenen, der nicht mehr in der Lage war, schwere Arbeit zu verrichten (Frankl, 2018, S. 39). Der Begriff stand somit nicht in einem religiösen Zusammenhang, sondern bezeichnete einen Menschen, dessen Kräfte nahezu vollständig aufgezehrt waren und dem häufig die Ermordung in der Gaskammer bevorstand.
Die Gefangenen mussten daher unter allen Umständen den Eindruck von Gesundheit und Arbeitsfähigkeit aufrechterhalten. Bereits ein Hinken aufgrund einer banalen Verletzung oder einer Schuhdruckstelle konnte dazu führen, von der SS herausgewinkt und in die Gaskammer geschickt zu werden (vgl. Frankl, 2018, S. 39).
Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, weshalb Frankl bereits das Ausbleiben zusätzlicher Schrecken als eine Form „relativen Glücks“ beschrieb. Er formulierte hierzu: „Glück ist, was einem erspart bleibt“ (Frankl, 2018, S. 76).
Als die Gefangenen nach ihrer Ankunft in einem neuen Lager erfuhren, dass es dort weder einen Verbrennungsofen noch ein Krematorium oder eine Gaskammer gab, wurde dies als vorübergehende Erleichterung erlebt. Es bestand zumindest nicht die unmittelbare Gefahr, infolge des körperlichen Verfalls zum sogenannten „Muselmann“ zu werden und anschließend direkt in die Gaskammer gebracht zu werden (vgl. Frankl, 2018, S. 73). Unter den extremen Lagerbedingungen konnte somit bereits „ein an sich Geringfügiges die größte Freude bereiten“ (Frankl, 2018, S. 73).
Auch die Tatsache, dass man „in Schonung“ (Frankl, 2018, S. 77) aufgrund von Verletzungen, eines Hungerödems oder Fiebers – etwa infolge von Fleckfieber – mit etwa 70 weiteren Gefangenen auf harten Brettern eingepfercht in einer sogenannten Schonungsbaracke lag und als Krankgeschriebener nicht auf dem Appellplatz auf schrille Pfiffe und Kommandorufe reagieren musste, sondern dahindösend lediglich auf die reduzierte Brotration und eine besonders verdünnte, kleine Suppenration – die einzige Mahlzeit des Tages – warten durfte, wurde von den Gefangenen als Grund zur Zufriedenheit und als relatives Glück erlebt (vgl. Frankl, 2018, S. 77–78).
Das ununterbrochene Zusammensein mit anderen Menschen und das nahezu vollständige Fehlen von Privatsphäre weckten zugleich bei manchen eine tiefe Sehnsucht nach ungestörter Einsamkeit. Frankl beschreibt das Bedürfnis nach einem „Alleinsein mit sich selbst und mit den eigenen Gedanken, die Sehnsucht nach einem Stück Einsamkeit, die einen da packt“ (Frankl, 2018, S. 81–82). Eine solche seltene physische Abgeschiedenheit fand er zeitweise auf dem Holzdeckel eines unterirdischen Hydranten hinter der Fleckfieberbaracke. In seiner Nähe befand sich ein improvisiertes Zelt, in dem die Leichen verstorbener Gefangener vorübergehend abgelegt wurden. Trotz dieser Umgebung konnte er sich für kurze Zeit seinen Gedanken und Tagträumen hingeben (vgl. Frankl, 2018, S. 82–83).
Er schrieb hierzu: „Dort saß ich und träumte die Träume meiner Sehnsucht und schickte meine Gedanken fernhin nach Norden und Nordosten, wo ich geliebte Menschen vermutete. […] Aus meinen Träumen rissen mich nur die Schritte der Wachposten […]“ (Frankl, 2018, S. 82).
Zu den von Frankl beschriebenen psychischen Reaktionen gehörten nach dem anfänglichen Schock die nachfolgende Apathie, die Abstumpfung des Gemüts, die Reduktion des seelischen Lebens auf ein primitives Niveau und das Gefühl, ein „willenloses Objekt des Schicksals oder der Willkür der Wachmannschaften“ zu sein (Frankl, 2018, S. 97). Hinzu kamen Gefühle der Deklassierung und Minderwertigkeit sowie die Scheu, das eigene Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und Entscheidungen zu treffen. Der durchschnittliche Lagerhäftling war zudem häufig von einer Gereiztheit geprägt, die sich durch die Masse der ebenfalls gereizten Menschen noch potenzieren konnte (vgl. Frankl, 2018, S. 97–98).
Als „das Bedrückendste“ erschien Frankl jedoch die „Ungewißheit des Endes“: Es gab keinen „Entlassungstermin“, und die Gefangenen fristeten ihr Leben in einer „provisorischen Existenz“, genauer gesagt in „einem Provisorium ohne Termin“ (Frankl, 2018, S. 108).
Frankl zufolge stellte sich die Frage, ob der Mensch sich dazu verführen ließ, „unter Verzicht auf Freiheit und Würde zum bloßen Spielball und Objekt der äußeren Bedingungen zu werden und sich von ihnen zum ‚typischen‘ Lagerhäftling umprägen zu lassen“ oder ob er sich einen letzten inneren Freiraum bewahrte (Frankl, 2018, S. 102).
Er bezeichnet diejenigen, die trotz der unmenschlichen Bedingungen ihre Apathie überwanden, ihre Gereiztheit unterdrückten und anderen mit selbstlosen Gesten beistanden, als „jene märtyrerhaften Menschen“ (Frankl, 2018, S. 103). Durch ihre heroischen Beispiele bewiesen sie, dass der Mensch „auch anders kann“ (Frankl, 2018, S. 102). Diese innere Freiheit kam darin zum Ausdruck, dass sie ihr letztes Stück Brot verschenkten, anderen Trost spendeten und mit aufmunternden Worten „über die Appellplätze oder durch die Baracken des Lagers gewandelt sind“ (Frankl, 2018, S. 102).
An ihnen wurde für Frankl sichtbar, dass der Mensch selbst unter nahezu vollständiger äußerer Unfreiheit eine geistige Freiheit bewahren konnte. Diese zeigte sich in der Möglichkeit, bis zum „letzten Atemzug“ über die eigene Haltung und das eigene Verhalten zu entscheiden und dadurch dem unvermeidbaren Leiden – und damit dem eigenen Leben – Sinn zu verleihen (Frankl, 2018, S. 103). Auf diese Weise konnte das Leiden in eine innere Leistung verwandelt werden (vgl. Frankl, 2018, S. 103).
Entscheidend war nach Frankl, ob ein Mensch auch unter diesen Bedingungen mutig, würdig und selbstlos blieb oder im äußersten Kampf um die Selbsterhaltung sein Menschentum preisgab. Darin zeigte sich für ihn, ob der Mensch die Wertemöglichkeiten seiner leidvollen Situation verwirklichte oder verwirkte und sich somit als „der Qual würdig“ erwies oder nicht (Frankl, 2018, S. 104–105).
Hier kommt die von Frankl beschriebene „Trotzmacht des Geistes“ zum Tragen. Sie bezeichnet die Fähigkeit des Menschen, sich „über seine Bedingtheit hinaufzuschwingen“ und „selbst den ärgsten und härtesten Bedingungen und Umständen entgegenzutreten, sich entgegenzustemmen“ (Frankl, zit. nach Batthyány, 2017, S. 9).
Dies machte für ihn den Unterschied zwischen einem „Vegetieren“ und einem „inneren Siegen“ aus (Frankl, 2018, S. 111).
Diese Formulierung darf jedoch nicht als nachträgliche moralische Verurteilung derjenigen verstanden werden, die unter den unmenschlichen Bedingungen psychisch zusammenbrachen. Frankl verweist vielmehr auf eine existentielle Möglichkeit, die selbst unter äußerster Bedingtheit grundsätzlich fortbestand, deren Verwirklichung jedoch keineswegs jedem Menschen gleichermaßen möglich war.
Eine zentrale Bedeutung kam dabei dem In-sich-Kehren, der Suche nach Sinn und der Ausrichtung auf eine mögliche Zukunft zu. Der Verlust jeder Zukunftsperspektive konnte nach Frankls Beobachtung in eine Hoffnungslosigkeit münden, die eine „lebensgefährliche Selbstaufgabe“ nach sich ziehen konnte (Frankl, 2018, S. 114). Ein persönliches Lebensziel, die Hoffnung auf eine Wiederbegegnung mit einem geliebten Menschen oder das Bewusstsein einer noch zu erfüllenden Aufgabe konnten demgegenüber einen geistigen Bezugspunkt bilden. Dem Menschen war damit die Verantwortung auferlegt, den Sinn seiner jeweiligen Situation für sich zu ergründen. Frankl veranschaulicht diese Verantwortung anhand eines Wissenschaftlers, der ein noch unvollendetes Werk fertigzustellen hatte, sowie anhand eines Vaters, der für sein Kind unersetzlich war. In beiden Fällen lag der Sinn in einer Aufgabe oder Beziehung, für die der einzelne Mensch nicht beliebig austauschbar war (vgl. Frankl, 2018, S. 121).
Frankl zufolge verleihen die Einmaligkeit und Einzigartigkeit eines jeden Menschen seinem Dasein Sinn. Beides zeigt sich sowohl in Bezug auf ein Werk oder eine schöpferische Leistung als auch in der Beziehung zu einem anderen Menschen und dessen Liebe. Wer sich der damit verbundenen Verantwortung bewusst geworden sei, werde nicht mehr imstande sein, sein Leben hinzuwerfen (vgl. Frankl, 2018, S. 121).
In diesem Zusammenhang greift Frankl den Gedanken Nietzsches auf: „Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie“ (Nietzsche, zit. nach Frankl, 2018, S. 116). Angesichts der Mutlosigkeit und der Trostlosigkeit eines menschlichen Daseins ohne erkennbare Zukunftsaussichten erschien es Frankl daher bedeutsam, den Lagerinsassen – sofern sich dazu eine Gelegenheit bot – ihr persönliches „Warum“ bewusst zu machen (Frankl, 2018, S. 117). Dies konnte dazu beitragen, einen „Zukunftswillen“ und einen „Zukunftsglauben“ zu stärken, durch die das „furchtbare Wie“ des gegenwärtigen Lagerdaseins möglicherweise besser ertragen und einer lebensgefährlichen Selbstaufgabe entgegengewirkt werden konnte (Frankl, 2018, S. 116–117).
Die Sinnorientierung garantierte weder das Überleben noch einen glücklichen Ausgang. Sie verhinderte auch nicht, dass sich die Zukunft schmerzlich anders entwickelte als erhofft. Für manche Befreite erfüllte sich die ersehnte Wiederbegegnung mit geliebten Menschen nicht, und auch die Rückkehr in die Freiheit schützte nicht vor weiterem Leid (vgl. Frankl, 2018, S. 138).
In der dritten und letzten Phase seiner Darstellung – der Phase des befreiten Häftlings – beschreibt Frankl die Herausforderung, den „Weg von diesem Nervenkrieg zurück zum Seelenfrieden“ zu beschreiten (Frankl, 2018, S. 135). Dieser Weg war keineswegs frei von Hindernissen. Nach anfänglicher Freude und völliger innerer Entspannung erkannten die Befreiten, dass das Sich-freuen-Können erst wieder erlernt werden musste und dass sie sich zunächst noch in einem Zustand der Depersonalisation befanden (vgl. Frankl, 2018, S. 132–133).
Insbesondere die relative Apathie und die Unsentimentalität – überlebensnotwendige Verhaltens- und Gefühlsmuster, die aus dem erlittenen Unrecht und der Willkür anderer hervorgegangen waren – konnten nach der Befreiung in eine Abstumpfung gegenüber neuem Unrecht umschlagen (vgl. Frankl, 2018, S. 136–137). Frankl schreibt hierzu, dass es nur langsam gelingen konnte, den Befreiten die scheinbar triviale Wahrheit wieder nahezubringen, dass „niemand das Recht hat, Unrecht zu tun, auch der nicht, der Unrecht erlitten hat“ (Frankl, 2018, S. 137).
Den allmählichen Prozess des Wieder-Menschwerdens beschreibt Frankl mit folgenden Worten: „Und Schritt für Schritt, nicht anders, trittst du ein in dieses neue Leben, wirst du wieder Mensch“ (Frankl, 2018, S. 135).
Darüber hinaus spricht er von zwei weiteren Grunderlebnissen – der Verbitterung und der Enttäuschung –, die sich als Herausforderungen im individuellen psychischen Heilungsprozess erwiesen (vgl. Frankl, 2018, S. 137).
Doch trotz all dieser Fallstricke und der verständlichen pathologischen Verhaltens- und Denkmuster, die nach der Befreiung infolge der plötzlich einsetzenden seelischen Entlastung auftreten konnten, wurde es dem Heimgekehrten allmählich möglich, auf die Zeit im Lager zurückzublicken und sich verwundert zu fragen, wie er imstande gewesen war, all dies zu ertragen (vgl. Frankl, 2018, S. 139). Das Erlebte konnte ihm schließlich nur noch „wie ein böser Traum“ erscheinen (Frankl, 2018, S. 139).
„Gekrönt wird aber all dieses Erleben“, so Frankl, „des heimfindenden Menschen von dem köstlichen Gefühl, nach all dem Erlittenen nichts mehr auf der Welt fürchten zu müssen – außer seinen Gott“ (Frankl, 2018, S. 139).
Besonders beeindruckte mich Frankls demütige Deutung seines eigenen Überlebens. Anstatt sein Überleben als Ausdruck eigener Stärke zu interpretieren, schreibt er den Verstorbenen die größte moralische Größe zu: „Denn wir Überlebenden wussten ganz genau, dass die Besten, die unter uns dort waren, von dort nicht herausgekommen sind – die Besten waren es, die nicht zurückgekehrt sind! So konnten wir unser Überleben nicht anders denn als unverdiente Gnade empfinden“ (Frankl, zit. nach Batthyány, 2017, S. 12).
Gerade deshalb empfinde ich Frankls Zeitzeugnis nicht nur als erschütternd, sondern auch als Inspiration für den Umgang mit Leid. Die von ihm beschriebenen Bewältigungsformen lassen sich nicht ohne Weiteres auf gewöhnliche Lebenskrisen übertragen, denn das Ausmaß der grauenhaften nationalsozialistischen Verbrechen darf weder relativiert noch mit alltäglichen Belastungen gleichgesetzt werden. Dennoch stellt sein Bericht eine grundlegende menschliche Frage:
Was bleibt uns, wenn wir eine Situation nicht mehr verändern können?
Vielleicht liegt eine mögliche Antwort in der Selbsttranszendenz: in der Fähigkeit, über den eigenen Schmerz hinauszublicken, ohne ihn zu verleugnen; sich einem Menschen, einer Aufgabe, einem Wert oder Gott zuzuwenden und dadurch einen Sinn zu verwirklichen, der größer ist als die augenblickliche Not.
Welche Rolle spielen Sinn, Glaube und die Verantwortung gegenüber anderen Menschen für Sie, wenn das Leben schwer und das Schicksal unabänderlich erscheint?
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Quellen:
- Frankl, Viktor E. (2018): … trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. 18. Aufl. München: Penguin.
- Batthyány, Alexander (2017): Vorwort zur Neuausgabe. In: Viktor E. Frankl: Wer ein Warum zu leben hat. Lebenssinn und Resilienz. Weinheim/Basel: Beltz, S. 9–21.
Abschließend möchte ich darauf hinweisen, dass dieser Beitrag meine persönliche Auseinandersetzung mit Viktor E. Frankls Werk und seinen Erfahrungsberichten widerspiegelt. Sollten einzelne Gedanken oder Aussagen nicht vollständig im Sinne Frankls wiedergegeben sein, liegt dies in meiner eigenen Interpretation. Da mir für diesen Beitrag kein fachliches Gegenlesen zur Verfügung stand, freue ich mich über sachliche Hinweise, Ergänzungen und einen respektvollen Austausch.
